Trachten von gestern bis heute

Wer kennt sie nicht, die großen Volksmusikprogramme im deutschen Fernsehen, wo immer wieder diverse Musikanten aus Deutschland und anderen europäischen Ländern in ihren jeweiligen Landestrachten auftreten? Viele dieser Trachten sind sehr farbenfroh und bei einigen erkennt man gleich auf den ersten Blick, woher der Träger dieser Tracht kommt. So kennen wir in Deutschland beispielsweise die bayrische Lederhose mit kariertem Hemd und Hut oder die typische Schwarzwälder Tracht, bei welcher die Damen den sogenannten Bollenhut tragen. Hierbei handelt es sich um einen Strohhut mit kleinen Bällen aus textilem Stoff. Aber auch in vielen anderen Ländern Europas werden Trachten noch immer getragen. Das Wort Tracht ist eine Ableitung aus dem Niederdeutschen und kommt vom Wort "tragen". Im Allgemeinen ist der Begriff "Tracht" eine Bezeichnung für eine traditionelle Bekleidung einer bestimmten Region. Hier einige Beispiele für Trachten:

Die niederländische Tracht

Die Tracht der Frauen in den Niederlanden hat ihren Ursprung im 18. Jahrhundert. Die Kleidung der sogenannten "Vrijheidsmaagd" symbolisierte die Tapferkeit der Frauen in den vereinigten Niederlanden dieses Jahrhunderts. Später wurde diese Tracht sogar bei niederländischen Feministinnen beliebt. Die Tracht der Frauen besteht aus einem langen Rock mit Schürze und aus einer Haube. Die Tracht für die Herren ist eher dunkel und setzt sich aus einer schwarzen Pumphose und einer in zwei Reihen geknöpften Jacke zusammen. Selbstverständlich gehören auch die traditionellen Holzschuhe zur niederländischen Tracht dazu. Die Tracht wird in den Niederlanden häufig an hohen Festtagen und vorwiegend von älteren Bürgern getragen.

niederlaendische-tracht

Die sorbische Tracht

Die Sorben symbolisieren eine slawische Minderheit, welche in der Lausitz und der Spreewaldregion zu Hause ist. Die Tracht der Sorben ist sehr farbenfroh und besteht bei den Damen unter anderem aus einer großen und sehr aufwändig bestickten Haube, einem weiten Rock und einer kurzen schwarzen Jacke. Im Jahr 2010 wurde diese sogenannte Spreewaldtracht vom Bundesverband für Trachten sogar zur Tracht des Jahres gewählt.

sorbische-tracht

Die Tracht der Kaschubei

Einer der Volksstämme in Polen sind die Kaschuben. Auch diese Volksgruppe hat ihre eigene Tracht. Diese besteht bei den Damen aus einer weißen Bluse mit Stehkragen und langen weiten bestickten Ärmeln, einem Mieder aus rotem Samt, einem roten Rock und einer Haube aus rotem Samt. Die Herren sind mit einer langen grünen Weste, einer weißen Hose, welche in die schwarzen Stiefel gesteckt wird und mit einem schwarzen Hut bekleidet. Um die Taille tragen sie eine breite Schärpe. Diese Tracht findet man hauptsächlich in der Gegend rund um Danzig, dem heutigen Gdansk.

Serbische Tracht

In der Balkanregion, zum Beispiel in Serbien, gibt es ebenfalls eine traditionelle Tracht. Diese besteht bei den Frauen aus einem schwarzen und bestickten Trägerkleid und einer weißen Bluse mit langem Arm und Stickerei. Ergänzt wird das Ganze durch eine weiße Haube. Die Herren tragen dunkelblaue oder schwarze Pumphosen, ein weißes Hemd, eine kurze Weste und eine Mütze, welche fast quadratisch wirkt. Der Kulturverein Sevojno hat es sich zur Aufgabe gemacht in Serbien die Kultur der Trachten durch Veranstaltungen wie zum Beispiel Volkstänze auch in Zukunft zu erhalten.

serbische-trachtenmode

Österreichische Tracht

Die Österreichische Tracht aus einem Dirndl für die Damen und einer Lederhose für die Herrn, erlebte im 19. Jahrhundert einen großen Boom. Der damalige Kaiser Franz Josef, Gemahl der bekannten Kaiserin Sissi, war in seiner Freizeit ein überzeugter Trachtenträger und auch viele andere bedeutende Habsburger dieser Epoche wie zum Beispiel der im Volk sehr beliebte Erzherzog Johann, folgten Kaiser Franz Josefs gutem Beispiel und verhalfen der Tracht in Österreich zu enormer Popularität.

Trachten außerhalb Europas

In vielen anderen Ländern außerhalb Europas finden wir auch eine traditionelle Bekleidung, welche man mit dem Wort "Tracht" bezeichnen könnte. In diese Kategorie fallen unter anderem der Kimono, das traditionelle Kleidungsstück der Japanerinnen, der Sari, das Wickelgewand der Inderinnen oder der Federschmuck und die Lederbekleidung der Indianer in den Vereinigten Staaten von Amerika. All diese Kleidungsstücke sind so bekannt, dass man den Träger sehr leicht seiner Herkunft bzw. seinem jeweiligen Heimatland zuordnen kann.

Die Sprache der Trachten

Es gibt aber ganz nebenbei noch sehr viel mehr, was die Tracht ausmacht. So spricht die Tracht oft eine ganz eigene Sprache. Man kann nicht nur einfach erkennen aus welchem Land jemand stammt, sondern auch innerhalb der Tracht gibt es häufig einige sehr feine Unterschiede, welche zum Beispiel symbolisieren können, welchem sozialen Stand bzw. welcher sozialen Schicht der Träger oder die Trägerin zu zuordnen ist. Ein gutes Beispiel dafür ist das Binden der Schleife bei der alpenländischen Tracht der Damen aus Bayern und Österreich. Schleife links (ledig), Schleife rechts (verheiratet), Schleife auf dem Rücken (Witwe). Auch bei den Bollenhüten der Schwarzwäldertracht gibt die Farbe der Bollen auf dem Hut Auskunft darüber, ob die Dame verheiratet oder noch ledig ist. Außerdem gibt auch das Material, aus welchem die Tracht gefertigt ist Informationen über den sozialen Stand. Während die eher einfachen Leute bei der Herstellung der Tracht preisgünstige Materialien wie Baumwolle oder Leinen bevorzugen, sind bei den höheren Schichten auch die Materialien viel edler. Ein Dirndl aus Seide oder mit Brokat findet sich demnach auch in betuchteren Kreisen und bei den Schotten spiegelt sich die Zugehörigkeit zu einem Clan in dem individuellen Muster des Kilts wieder.

schwarzwaelder-tracht-bollenhut

Trachten als Berufssymbol

Darüber hinaus gibt es auch in vielen Berufssparten so etwas wie eine Tracht. So erkennt man unter anderem Handwerksburschen, welche nach der Lehre auf Wanderschaft gehen, um erste berufliche Erfahrung zu sammeln an der schwarzen Weste mit großen Knöpfen, der schwarzen Hose und dem großen schwarzen Hut. Und auch der Schornsteinfeger trägt seit Jahrhunderten einen schwarzen Anzug. Heute wird allerdings oft der früher übliche Zylinder häufig durch eine schwarze Kappe ersetzt.

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Die traditionelle Trachtenmode heute

Eine Tracht zu tragen, ist heutzutage vielerorts auch bei jungen Leuten wieder enorm gefragt. So pilgern viele Besucher aus Nah und Fern im Herbst zum alljährlich statt findenden Münchner Oktoberfest. Zu diesem besonderen Ereignis sieht man häufig auch viele Menschen in traditioneller bayrischer Tracht, welche sonst sehr wenig von dieser Bekleidung halten. Und auch Menschen aus anderen Regionen oder Ländern, lassen es sich nicht nehmen, die sogenannte "Wies´n" ganz zünftig in original bayrischer Trachtenbekleidung zu besuchen. Zu dieser Jahreszeit boomt dann selbstverständlich auch das Geschäft mit Trachten für Alt und Jung. Die Hersteller von Trachtenbekleidung haben sich heute auch bereits den veränderten Bedingungen und modischen Trends in der aktuellen Trachtenmode angepasst. So gibt es heute beispielsweise schicke und farbenfrohe Dirndl für Damen und Mädchen in vielen verschiedenen Längen. Sexy Mini-Dirndl, die kurz über dem Knie enden, Midi-Dirndl bis zur Wade oder lange Festtags-Dirndl, welche bis zum Fußknöchel reichen, finden sich daher bei vielen Trachten-Ausstattern im Sortiment. Daneben hat sich auch bei den Damen von Heute die Lederhose als Kleidungsstück durchgesetzt, wenn es um die Tracht geht. Viele Trachtenfabrikanten bieten daher auch schicke Damen-Lederhosen mit dazu passenden Blusen und Trachtenjacken und Janker an. Und auch bei legerer Alltagskleidung, findet sich heute das ein oder andere traditionelle Trachten-Accessoire. Jeanshosen und Jeans-Jacken mit einem gestickten Edelweiß sind nur ein Beispiel dafür. Ergänzen lässt sich das modische Trachten-Outfit noch mit Ketten, Gürteln, Hüten, Trachtenschuhen oder mit Hosenträgern.

Beispiele für moderne Trachtenmode (alpenclassics.de)

moderne-trachtenmode

Die Trachtenhochzeit heute

Während in einigen Regionen Deutschlands, wie zum Beispiel dem westfälischen Münsterland, die Tracht schon vor einem knappen Jahrhundert ausgestorben ist, ist es für viele andere Menschen auch heute noch sehr schick, in der traditionellen Tracht der Heimatregion vor den Traualtar zu treten. Während die ursprünglichen Hochzeitstrachten verschiedener Regionen nur selten in Weiß gehalten waren, sondern häufig eher aus einem eleganten schwarzen Kleid für die Dame bestanden, gibt es heute im Bereich Brautmode viele schöne weiße Hochzeitskleider im Dirndl-Design zu entdecken. Zu einer zünftigen Trachtenhochzeit gehören auch heute noch die Lederhose und der Trachtenjanker für den Herren. Ganz stilecht wird die Hochzeit dann erst mit der Fahrt zur Kirche in einer bunt geschmückten Kutsche mit Blumendekor.

japanischer-kimono

Trachten als Klischee

Die Nationaltracht vieler Menschen ist außerhalb des Heimatlandes oft mit Klischees behaftet. So verbinden viele Amerikaner häufig mit dem Begriff Deutschland Dirndl und Lederhose obgleich Bayern nur eine Region der Bundesrepublik Deutschland darstellt und auch nicht jeder Schotte läuft tagtäglich im karierten Kilt umher. Hier noch einmal die bekanntesten Nationaltrachten verschiedener Länder:

  • Dirndl und Lederhose (Bayern, Österreich)
  • Kimono (Japan)
  • Sari (Indien)
  • Federschmuck und Lederanzug (US Indianer)
  • Kilt (Schottland)

schottischer-kilt

Die Tracht als religiöses Symbol

Wenn es um die Zugehörigkeit zu einer besonderen Kultur oder einer speziellen Religion geht, gibt es auch hier eine Reihe sogenannter Trachten, welche Außenstehenden deutlich symbolisieren können, welcher Religionskultur der Träger der Tracht angehört. Man denke dabei an die schwarzen Hüte und schwarzen Anzüge der orthodoxen Juden, an den langen Schwarzen Habit mit Schleier bei den katholischen Nonnen oder an die Kastenhaube und das blaue Schürzenkleid der evangelischen Diakonissen. In den asiatischen Kulturkreisen erkennt man die Mönche eines buddhistischen Klosters an ihren orangefarbenen Gewändern und dem kahl geschorenen Kopf und auch die Kardinäle, Bischöfe und andere Würdenträger der katholischen Kirche unterscheiden sich je nach Status in der Farbe und dem Aussehen ihrer Bekleidung.

katholische-prister-tracht

Was sonst noch zum Thema Tracht gehört

Die Tracht ist nur ein kleiner Teil einer jeden Kultur. Meist ist mit dem Thema Tracht noch sehr viel mehr verbunden. So denken wir bei Dirndl und Lederhose an Schuhplattler und Blasmusik und beim karierten Kilt der Schotten an die schrägen Töne eines Dudelsacks. Auch Volkstänze in Tracht gehören in vielen Ländern ganz selbstverständlich zur jeweiligen Landeskultur dazu. In Filmen national wie international fließt auch immer wieder das Thema Tracht mit ein und wir haben als Zuschauer, wenn wir den Filmtitel hören gleich ein besonderes Bild im Kopf. Bei "Heidi" entsteht in unserem Kopf gleich das Bild eines kleinem Mädchens im Dirndl, bei "Shogun" denken wir an japanische Geishas im Kimono und bei "Piroschka", einem Film aus den 50er Jahren, denken wir an Lieselotte Pulver in ungarischer Nationaltracht mit einer bunten Kopfbedeckung und langen Bändern. Im Bereich Volksmusik spielt die Tracht nach wie vor eine sehr große Rolle. Oft werden aber Tracht und Volksmusik in Deutschland nur mit höherem Lebensalter in Verbindung gebracht. Junge Volksmusiktalente wie der Österreicher Andreas Gabalier haben es jedoch geschafft, das Volksmusik Image ein wenig zu revolutionieren, indem sie die Tracht und die Lederhose mit modernen und rockigen Klängen in volkstümlichem Gewand verbinden. So werden Tracht und Volksmusik auch für jüngere Menschen plötzlich wieder enorm attraktiv und die Volksmusik erlebt einen Aufschwung.